Die Höhlenschrecke Dolichopoda geniculata in der Schweiz

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Liebe Heuschreckenfreunde

Gestern (07.11.2013) war endlich mal wieder ein richtig guter Heuschreckentag – ja, neuerdings kann man in der Schweiz auch im Winter spannende Heuschreckenexkursionen machen.

In Mendrisio (Tessin) traf ich mich mit Michele Abderhalden Kurator am Museo Cantonale di Storia Naturale, Grégoire Meier, dem die zweite sensationelle Neuentdeckung für die Schweiz gelang und René Güttinger, der seit seiner Troglophilus neglectus-Entdeckung im St. Galler Rheintal vom Höhlenschrecken-Virus geplagt ist.

Die Entdeckung der Höhlenschrecke Dolichopoda geniculata gelang Greg eigentlich bereits 2010. Allerdings hatte in den Fachkreisen bisher kaum jemand Kenntnis von dem Spektakel, zumindest drang die Nachricht nicht in den deutschsprachigen Raum vor. Es war sozusagen eine Entdeckung auf Raten, denn bis klar war, um was es sich genau handelt, verging einige Zeit. Grégoire hatte seine Fotos, die er auf einer Amphibien-Exkursion in diesem Grotto 2010 machte, als erstes ins Forum naturamediterraneo.com gestellt, wo man ihm die Art als Troglophilus cf. neglectus bestimmte. Die vermeintliche Troglophilus neglectus meldete Greg ans CSCF, wo man ob der Beobachtung aus dem Tessin etwas stutzig wurde. Aufgrund der Fotos war man sich beim CSCF unsicher, ob es sich tatsächlich um Troglophilus handelt, woraufhin die Fotos an Mauro Rampini von der Università La sapienza di Roma gesendet wurden. Dieser erkannte sofort, dass es sich um eine andere Gattung, namentlich Dolichopoda handeln musste. Da die Arten praktisch nur anhand der Genitalien bestimmt werden können, forderte er ein paar Belegexemplare an. Die morphologische Determination ergab schliesslich Dolichopoda geniculata, was aber wiederum für Verwirrung sorgte, da diese Art bisher nur aus Gebieten südlich von Rom (Provincia di Latina) bekannt war.
Aus Norditalien waren aber zwei andere Arten; Dolichopoda laetitiae und Dolichopoda ligustica bekannt, die man eigentlich eher in der Schweiz erwartet könnte. Genetische Untersuchungen stützten den Befund, dass es sich um Dolichopoda geniculata handelt und das die Tiere bei Mendrisio praktisch identisch mit jenen aus der Umgebung von Rom sind.
Da stellt sich natürlich unweigerlich die Frage, ob es sich bei dem Vorkommen im Tessin um eingeschleppte Tiere aus Rom handelt. Allerdings frage ich mich, wie Höhlenschrecken verschleppt werden können, dass sie eine sich reproduzierende Population bilden können. Vorstellen könnte ich mir lediglich, dass Tiere beziehungsweise eher Eier mit Gartensteinen aus Italien verfrachtet wurden.

Einen Bericht von Greg Meier befindet sich in seinem Blog.

Die alte Grotte liegt nicht weit von Mendrisio entfernt am Bergfuss des Monte San Giorgio. In einem Gebiet also, das eh schon für seinen Orthopteren-Reichtum bekannt ist. Das Grotto und die Umgebung wirken wie die Stätte einer vergangen Zivilisation. Die alten Steinmauern sind teilweise eingefallen, mit Moos, Farn und Efeu überwachsen. Überall tropft Wasser oder es quellen kleine Bäche aus dem Hang. Die erste Kammer der Grotte ist im Eingangsbereich aufgemauert und diente einst als Käselager. Im hinteren Teil sind die Felswände naturbelassen. Es tropft und plätschert. Die zweite Kammer ist für uns diesmal nicht begehbar, weil sie zur Hälfte mit Wasser gefüllt ist. Ein idealer Lebensraum für die besagte Höhlenschrecke.
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Greg und Michele bei der Arbeit im Eingangsbereich der ersten Kammer
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René und Greg betrachten ein Männchen von Dolichopoda geniculata, das bei einem Fluchtsprung auf der Kamera gelandet ist.
Kaum haben wir den Eingang betreten, sitzen dort bereits zwei langbeinige Herren als Empfangskomitee direkt neben dem Eingang. Ein Blick reicht, um die Gattung zu identifizieren. Die extremen Beine und Tarsen sind unverkennbar. Wir schauen uns etwas in der Höhle um, da und dort lugen ein paar Beine aus den Ritzen, zwengt sich eines der eigenartigen Tiere in eine feuchte Spalte. Hie und da sitzen Exemplare frei an der Wand oder der Decke und sind bei flüchtiger Betrachtung leicht mit den ebenfalls anwesenden Spinnen zu verwechseln. René und ich richten unsere Kameras und legen los. Schnell merken wir; das wird kein leichtes Unterfangen! So schwerfällig und träge die Tiere wirken, wenn sie an der Felswand sitzen, so staunen wir über ihre Beweglichkeit, wenn sie dereinst los legen – was sie bei geringer Störung nicht selten tun. Erst beginnen sie mit den Fühlern abwechslungsweise zu tasten, plötzlich heben sie den auf den Untergrund aufgelegten Körper an und rennen davon. Erstaunlich sind die Strecken, die sie auf so einem Spurt zurück legen. Schnell haben sie genug von den hellen Scheinwerfern, verkriechen sich langsam in der nächsten Spalte und versetzen uns erneut in Erstaunen, wenn wir beobachten, wie sie ihre langen, ungelenken Beine an den Körper anlegen. Es scheint als falten sie die Beine zusammen, um sich in eine kleine Ritze zu quetschen – und wenn es sein muss kommen sie auch rückwärts wieder heraus, ohne dabei über die eigenen Beine zu stolpern. Wenn es ihnen zu bunt wird oder man sie berührt, vollführen sie ordentliche Sprünge und verschwinden dabei schon mal auf nimmer wiedersehen zwischen den Steinen.
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Eines der wenigen Weiben von Dolichopoda geniculata, denen wir begegnen.
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Männchen der Höhlenschrecke Dolichopoda geniculata
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Portrait eines Männchens von Dolichopoda geniculata
An diesem Nachmittag finden wir gegen 30 ausgewachsene Individuen, vorwiegend Männchen. Weiblichen Tieren begegnen wir lediglich 3-4 Individuen. Noch häufiger waren Larven zu finden. Kaum ist es auch vor der Höhle dunkel, finden wir etliche Larven, aber auch ein ausgewachsenes Männchen, vor der Höhle in den Steinmauern. Von den schätzungsweise über 50 Larven können wir von Auge ca. drei verschiedene Stadien anhand der Grösse unterscheiden. Das man so viele Tiere zu Gesicht bekommt, ist nicht immer der Fall, wie uns Michele erzählt, der normalerweise nur um die 10 Individuen zählte.

Es war ein äusserst schönes Erlebnis. Der Ärger kam später zu Hause, als ich beim Sichten der Bilder feststellte, dass bei den allermeisten Fotos doch irgend ein Körperteil abgeschnitten ist. Dabei habe ich mich schon vor Ort geachtet, dass auch die Tarsen noch im Bild sind. Nur, bei den vielen langen Extremitäten ist die Beurteilung durch den Sucher in der Dunkelheit nicht einfach.


An dieser Stelle möchte ich mich nochmals ganz herzlich bei unseren beiden Guids Michael Abderhalden und Grégoire Meier bedanken. Sie haben uns zu der versteckten Grotte gelotst und sich den ganzen Nachmittag über Zeit genommen uns aus Ihren Beobachtungen zu erzählen. Und dann mussten sie auch noch als Fotoassistenz stunden lang irgendwelche Leuchten und Blitzgeräte halten – vielen Dank für eure unendliche Geduld!

Herzliche Grüsse
Florin
Orthoptera-App! Die Heuschrecken-Bestimmungs-App für iOS und Android.
Sicher bestimmte Tiere bitte bei Observation.org melden - danke!